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Chorsingen – eine verbindende Schweizer Tradition

Zusammen singen bedeutet Geselligkeit, Verbundenheit, Vertrautheit und manchmal auch mehr. Die Tradition der Schweizer Chorkultur lebt, und der Nachwuchs ist vorhanden.

Beim gemeinsamen Singen schlagen die Herzen der Sängerinnen und Sänger im gleichen Takt. Die Herzfrequenz beschleunigt und verlangsamt sich bei allen synchron. Die Sängerinnen und Sänger koordinieren ihre Atmung und atmen gleichzeitig ein und aus. Verlieben wir uns eher, wenn sich unser Herzschlag demjenigen der Sängerin oder des Sängers neben uns angleicht? Die Wissenschaft schweigt dazu, aber in den Westschweizer Chören gibt es unzählige Beispiele von Liebe und Freundschaft.

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Soziologisches Labor

In allen Chören gibt es Paare und enge Freundschaften, die dank dem gemeinsamen Singen entstanden sind. «Ich habe meinen Mann in einem Chor kennengelernt, als ich jung war, und auch die Gotte meines Sohnes», sagt Marianne, die in Lausanne in einem Kirchenchor singt. «In einem Chor hört man einander zu und sieht sich an, bevor man miteinander redet. Es herrscht ein Klima des Wohlwollens, der Hilfsbereitschaft, der Solidarität. Wenn ein Chormitglied im Spital liegt oder einen Angehörigen verliert, schreiben wir eine Karte und singen vielleicht sogar an der Beerdigung. In einem Chor zählt Gemeinsamkeit, nicht Konkurrenz, wir alle wollen zusammen etwas Schönes kreieren», betont sie. In einem Chor trifft der Spitalleiter auf die Krankenschwester, die Westschweizer Studentin auf den neu zugezogenen Ausländer, die junge Mutter auf den älteren Witwer. Ein Chor ist ein wahres soziologisches Labor. «Ich kenne eine Rechtsstudentin, die in die Kanzlei eines Chormitglieds eintrat, Zwanzigjährige, die zusammen Ferien machen, Menschen, die sich verliebt haben, zwei alleinstehende Rentnerinnen, die beste Freundinnen wurden. In einem Chor gibt es viele solche Geschichten», erzählt Marianne.

Warum singen die Schweizerinnen und Schweizer?

Die Chortradition ist untrennbar mit der Schweiz verbunden und war lange Zeit von der Religion geprägt. Im protestantischen Waadtland war Chorsingen während des Ancien Régime verboten. Der Chorgesang kam im 18. Jahrhundert auf, fasste aber nur zögerlich Fuss, weil man den einstimmigen Gesang französischen Einflusses dem polyfonen Gesang vorzog. Der Aufschwung erfolgte im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der Chöre der Fête des Vignerons, der Zofinger und der gemeinnützigen Société vaudoise d’utilité publique, die mittels Singen die Bildung fördern wollte. Es ging also vor allem um Moral und Vaterland.

Die Freiburgerinnen und Freiburger singen so gerne, dass der Kanton ein Chormitglied pro 35 Einwohnerinnen und Einwohner zählt. Es heisst, ein Dorf, in dem nicht gesungen wird, sei dem Untergang geweiht. Die aussergewöhnliche Chordichte ist auf eine jahrhundertealte Tradition zurückzuführen, die fest in der Geschichte der Region verwurzelt ist. Zwar entstand in allen katholischen Kantonen eine Chorbewegung, aber in Freiburg – einer vom Klerus eng geführten ländlichen Gesellschaft – war sie besonders erfolgreich. In der Schweiz gibt es etwa 2000 weltliche Laienchöre, wobei das Durchschnittsalter 60 Jahre beträgt.

«Die Chöre haben wie die Turn- und Schützenvereine zur Bildung des Nationalstaats beigetragen», erklärt der Bariton Grégoire Mayor, Ko-Leiter des Musée d’ethnographie in Neuenburg. «Gemeinsam singen, ‹ein Volk, eine Stimme›, einander zuhören: all dies entspricht dem Ideal der Schweizer Konsenskultur. Zudem ermöglichte es das Singen, zu reisen, an Wettbewerben und Chorfestivals teilzunehmen, Landsleute aus anderen Kantonen kennenzulernen. Dieser pädagogisch-politische Aspekt ist heute viel weniger wichtig, man singt vor allem zum Vergnügen», sagt Mayor.

Und wie steht es mit dem Nachwuchs?

Jedes Jahr werden Chöre aufgelöst, in den Dörfern werden sie zusammengelegt. Das ist besorgniserregend. Schuld an diesem Chorsterben, heisst es, sei der fehlende Nachwuchs oder die Schule, in der weniger gesungen wird. Castingshows wie The Voice, die auf Einzelpersonen fokussieren, inspirieren die Jungen nicht dazu, sich einem Chor anzuschliessen. Christophe Gesseney, der in Lausanne den Oratorienchor Vivace leitet, zeigt sich trotzdem positiv: «Einige Chöre kränkeln und gehen ein, andere werden gegründet. Viele junge Dirigentinnen und Dirigenten gründen für ihren Master-Abschluss am Konservatorium kleine Vokalensembles, die zum Teil bestehen bleiben. Es gab schon oft Nachwuchssorgen, aber es gibt immer auch neue junge Sängerinnen und Sänger, da habe ich gar keine Angst. Man muss sich nur die vielen Konzerte anschauen, die in Lausanne jedes Jahr stattfinden.» Christophe Gesseney gehört zu den Chorleitern, die vorsingen lassen. «Ich strebe ein gewisses Niveau an. Um einen guten Mix zu haben, nehme ich keine neuen Sängerinnen und Sänger über dem Pensionsalter, Tenöre ausgenommen, aber ich würde nie ein älteres Mitglied bitten, aus dem Chor auszutreten. Auf diese Weise kann ich jüngere Mitglieder nachziehen.»

Die Chöre von Gymnasien und Universitäten vermitteln den Jungen die Freude am Singen. Damit ist der Nachwuchs für den Universitätschor Genf gesichert. Dessen Leiter Pierre-Antoine Marçais macht sich keine Sorgen. «Wir sind 90 Sängerinnen und Sänger, die Hälfte davon junge Studierende. Nur Tenöre zu finden ist schwierig, aber das ist überall so. Die meisten Studierenden, die zum Vorsingen antreten, haben eine musikalische Vorbildung, auch wenn sie zum Teil zum ersten Mal singen. Singen ist immer noch gleich attraktiv wie vor fünfzig Jahren, als der Chor gegründet wurde. Das Problem ist eher die Konkurrenz durch die vielen anderen Aktivitäten.»

Beeindruckend ist auch das breite Angebot an Musikstilen. In der Westschweiz können Sängerinnen und Sänger zwischen Jazz-, Gospel- und Kirchenchören, zwischen grossen Werken der klassischen Vokalmusik und lokalen Volksliedern wählen. «Diese Fülle ist wunderbar», findet Christophe Gesseney. «Sie zeigt die Vielfalt der Schweizer Volkskultur.»

Der Artikel von Aïna Skjellaug erschien ursprünglich im August 2020 in der Westschweizer Zeitung Le Temps